Vorsicht, wenn ChatGPT „minimal glättet“…

von | Feb. 2, 2026

Anfang des Jahres habe ich einen Spendenbrief nach Hause bekommen. Und ehrlich gesagt bin ich bei solchen Dingen immer recht offen, vor allem, wenn es sich um einen guten Zweck handelt und mich das Schreiben oder die Karte persönlich anspricht und abholt. Bevor du dich nun hinsetzt und mir einen herzzerreißenden Brief schreibst: Ich meine damit gemeinnützige Zwecke 😉

In diesem Fall aber war es so, dass ich den Brief aufgefaltet habe, ihn zwei Sekunden angeschaut habe und dachte: „Warum schreibt ChatGPT mir jetzt sogar schon per Post?“ Woran ich das erkannt habe? Neuerdings ist es für unseren aller Ghostwriter irgendwie cool, bestimmte Schlüsselbegriffe im Text mit Fettdruck hervorzuheben. Rein Optisch wirken die Text auf den ersten Blick wie Patchwork-Teppiche. Wenn du dann noch irgendwo das durch KI modern gewordene Wort „Haltung“ findest, dann kannst du dir sicher sein, dass dort niemand mit Nase und Ohren am Text gesessen hat. Jedenfalls nicht an der finalen Version.

Verstehe mich bitte nicht falsch: Natürlich schicke ich meine Texte, Mails und Briefe vor dem Versand auch einmal kurz durch die Rechtschreibprüfung von KI. Aber dann kommt ChatGPT, dieser kleine Verführer, und bietet an, deinen Text „minimal zu glätten“, professioneller und persönlicher umzuformulieren. „Na klar, versuch mal“, denkst du dir. Was du dann bekommst, klingt super professionell, glatt, unverfänglich, höflich. Einfach perfekt und …

… blutleer, unpersönlich, allgemeinverbindlich und grottenlangweilig. Das ist okay für ein Schreiben an eine Behörde und vielerlei geschäftliche Korrespondenz. Wenn es aber um persönliche Anliegen, zwischenmenschliche Gedanken und Gefühle geht, dann ist das tödlich. Denn ChatGPT kann das nicht so wie Du. Niemand auf der ganzen weiten Welt kann das so wie Du. Weil Du einmalig bist. Nur Du bist so aufgewachsen, wie Du aufgewachsen bist. Niemand hatte jemals Deine Familie, Dein soziales Umfeld. Niemand ist mit Deinen Genen, Deinem Sprachgefühl und Deinem ganz individuellen Blick auf die Welt ausgestattet. Es ist dieser ganz besondere Mix, der Dich ausmacht, der Dich zu dem Menschen macht, der Du bist und den andere Menschen lieben. Und natürlich klingt der Text perfekt, wenn ChatGPT ihn erst einmal glattgebügelt hat. Aber er klingt nicht mehr nach Dir.

Übrigens kann ich nach drei Jahren Erfahrung mit ChatGPT sagen, dass KI auch eigene, gewisse Modeerscheinungen beim Verfassen von Texten hat. Noch vor ein paar Monaten zum Beispiel waren die KI-Texte übersät von Gedankenstrichen oder auch fettgedruckten Anreden (was in Deutschland völlig unüblich ist). Ganz zu Anfang fingen Briefe gern an mit: „Ich hoffe, diese Nachricht findet Sie bei bester Gesundheit.“ Semikoli, deren Gebrauch in der Praxis mittlerweile aus der Mode geraten ist, sind durch KI quasi wieder zum Leben erweckt worden.

Zurzeit sind es diese Lieblingsmerkmale:

  • KI nutzt Fettdruck mechanisch und dekorativ. KI hebt keine Entscheidung, keinen Konflikt und keine These hervor.
  • KI liebt mitten im Text, ohne echte dramaturgische Funktion, weichgespülte Signalwörter wie stark, klar, gemeinsam, bereit usw.
  • Überladene Wörter ohne echten Inhalt wie „Haltung“ oder „starkes Signal“

👉 Wunderschöne Aufzählungszeichen

Und das wiederum macht KI immer. Auch bei Texten, an die sich kein Mensch zur Verbesserung herantrauen würde. Kostprobe gefällig? Ich habe ChatGPT gebeten, eine zufällig gewählte Seite eines meiner Lieblingsbücher zu korrigieren. Es handelt sich um „Das Hotel New Hampshire“ von John Irving, einem Superschwergewicht der Erzählkunst.

Hier die recht selbstsichere Ausbeute von ChatGPT:

Kurz und transparent, mit realistischer Näherung (keine Scheingenauigkeit):

– Anzahl der Änderungen: ca. 25–30 Eingriffe
(Satztrennungen, Umstellungen, Wortersetzungen, Zeichensetzung, Straffungen)
– Textumfang: ca. 300 Wörter (inkl. Fragment)
– Betroffener Textanteil: ca. 15–20 %

Wichtig zur Einordnung:

– 0 % inhaltliche Änderungen
– 0 Figuren geändert
– 0 Bilder hinzugefügt oder gestrichen
– Der Eingriff lag fast ausschließlich auf Satzbau- und Rhythmusebene

Wenn du willst, kann ich dir beim nächsten Schritt auch:

– eine Version mit maximal 5 % Eingriff
– oder eine radikal verdichtete Version (30–40 %)
machen – sag einfach, wie weit ich gehen darf.

Lass deinen Schreiben nicht die Persönlichkeit nehmen, sie macht deine Zeilen aus. Sie macht dich aus. Lass deine Texte auch weiterhin prüfen, aber sage der KI, dass sie sich auf Rechtschreibung und Grammatik beschränken soll und dir auch genau angeben soll, was sie geändert hat. Dann hast du nämlich erstens die Chance, noch einzugreifen, oder zweitens eventuell auch etwas aus den Korrekturen zu lernen.

Zu guter Letzt: Was habe ich eigentlich mit dem Spendenaufruf gemacht? Na ja. Einen Goodie daraus verfasst und dann zur Seite gelegt.

Über dies Goodie:

Wie immer habe ich dies Goodie selbst und ohne KI für Dich geschrieben. Benutzt habe ich dafür Typora, eine wundervoll minimalistische Textverarbeitung. Die grafische Umsetzung meiner Ideen für das Beitragsbild wurde mit Dall·E realisiert.

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